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Caminada. Das Magazin Stararchitekt Antonio Citterio 2021

Antonio Citterio: «Trends interessieren mich nicht»

Sein Designstudio ist ein halbes Jahrhundert alt, aber Antonio Citterio lehnt sich nicht zurück. Der von Schönheit besessene Star-Architekt liefert das Beste zum Schluss – sozusagen.

Herr Citterio, den meisten Schweizern kommt bei Ihrem Namen zuerst Salami in den Sinn. Haben Sie Verbindungen zur Wurstbranche?
Antonio Citterio: Damit habe ich nichts zu schaffen (lacht).

Angeblich hat Ihr Architekturbüro tüchtig Fahrt aufgenommen, als Patricia Viel vor 20 Jahren Partnerin wurde, stimmt das?
Patricia Viel: Antonio und ich arbeiten schon viel länger zusammen. Ich war noch Studentin, als ich 1984 hier anfing. Unsere gemeinsame Firma, das Studio ACPV, haben wir gegründet, weil wir international expandieren wollten. Schon damals fokussierten wir stark auf Umweltthemen.

Ist Antonio der Künstler und Patricia die Strategin?
Citterio: Wir haben keine Rollenverteilung, «Chicca» und ich tauschen uns aus wie beim Pingpong. Für mich ist die intellektuelle Beziehung zu ihr enorm wichtig. Was stimmt: Sie ist besser organisiert als ich.

Viel: Ach wissen Sie, Antonio ist äusserst pragmatisch. Er sagt zwar, er sei desorganisiert, aber er brauchte unbedingt einen Profi, der Sprachen konnte. Ich spreche Italienisch, Englisch und Französisch, da ich gebürtige Französin bin.

Citterio: Wir sind ja 130 Mitarbeiter.

Viel: Antonio, wir sind 150!

Sie haben fantastische Projekte in der Pipeline. Verraten Sie etwas über die wichtigsten?
Viel: Wir bauen in erster Linie Hotels, Residenz- und Bürogebäude und haben schon einige Wolkenkratzer entworfen, etwa in Hongkong und Taiwan. In Paris eröffnet gerade ein neues Hotel für Bulgari, für die wir auf der ganzen Welt tätig sind. Januar 2022 erfolgt in Mailand der Spatenstich zu Il Faro für das Energieunternehmen A2A.

Mit Verlaub, zum kraftstrotzenden 144 Meter hohen «Leuchtturm» würde auch Il Fallo passen.
(Gelächter.) Citterio: Diese Idee stammt nicht von mir.

Viel: Das kann man über jedes Hochhaus sagen, oder etwa nicht?

It’s a man’s world?
Viel: It’s a man’s world! In meiner Branche dominieren immer noch Männer, aber das kümmert mich nicht. Man muss neutral sein, was Gender anbelangt. In Italien ist es besonders schwierig, einen Job wie meinen zu machen, für berufstätige Mütter gibt es kaum Unterstützung, aber ich hatte keine eigenen Kinder, die ich grossziehen musste.

Caminada. Das Magazin Stararchitekt Antonio Citterio und Patricia Viel 2021

Erfolgsduo Antonio Citterio und Patricia Viel: «Kreativität entsteht im Austausch – wie Pingpong.»

Man spricht viel über Nachhaltigkeit in der Architektur. Wie gehen Sie dieses immens wichtige Thema an?
Citterio: Inzwischen hat jeder begriffen, worum es geht, wie es um den Planeten steht. Das ist schon ein grosser Fortschritt. Die Bevölkerung wächst so schnell, dass das, was wir jetzt bauen, in 40 Jahren überholt ist. Wenn in den nächsten Jahrzehnten neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, muss man jeden Monat 400'000 Wohnungen bauen. Können Sie sich das vorstellen?

Lieber nicht, es klingt wahnsinnig: höher und höher, mehr und mehr.
Viel: Die Städte werden zum natürlichen Habitat, wir werden wie andere Lebewesen wohnen, wie die Bienen in Bienenstöcken. Oder Ameisen.

Etwas mehr Platz zu haben als ein Insekt, wäre schön.
Viel: Ein Bienenstock hat die perfekte Bauweise. Wir müssen alles daransetzen, dass wir die städtische Umgebung genauso perfekt gestalten. Modernste Technik, mit Respekt für die Natur und Themen wie Lärm, Luftqualität und Sicherheit. Wir müssen Städte für alle errichten, Kinder, Frauen, Alte. Und dabei die monumentalen Denkmäler bewahren. In Italien gilt es, 150 historische Zentren unbedingt zu erhalten. Auf der anderen Seite muss man diese Orte zeitgemäss nutzen.

Citterio: Mehr oder weniger funktioniert Architektur wie Autos. In zehn Jahren werden Fahrzeuge ganz anders entwickelt sein. Wir müssen an die Wiederverwertung denken. Zudem: Die Jungen von heute haben ein anderes Verhältnis zu Besitz, sie wollen lieber mieten und flexibel unterwegs sein. Meine Generation träumte davon, als Erstes einen Wagen zu kaufen, danach ein Haus. Dann die Zweitwohnung in den Bergen, die Villa am Meer. Das ist vorbei. Man muss so planen, dass die neuen Bauten den neuen Bedürfnissen gerecht werden. Das ist Nachhaltigkeit.

Wie meistern Sie den Druck dieser Verantwortung?
Viel: Unser Geheimnis: Wir fangen sehr früh an und hören sehr spät auf.

Und wie gut schlafen Sie in der Zeit dazwischen?
Viel: Ich bestens.

Citterio: Hm, ich nicht besonders, in den letzten Jahren immer weniger gut. Aber nicht aus Sorge wegen der Projekte. Wenn ich um sieben oder acht abends aufhöre, mache ich nachher einen anderen «Job».

Viel: Ja, Wein trinken (lacht). Citterio: Das Schöne an unserer Arbeit ist, dass die Kreativität nie aufhört. Ich bin an allem interessiert, entdecke ständig etwas Interessantes, jedes Kunstwerk, das ich mir anschaue, jedes Buch, jede Zeitschrift. Unser Beruf ist auch unser Hobby, weil wir sehr lieben, was wir tun.

Zu welcher Tageszeit sind Sie am kreativsten?
Viel: Frühmorgens im Büro, wenn noch keiner da ist. Wie Antonio sagt: Alles, was uns begegnet, kann inspirieren, wenn der Blick offen dafür ist.

Citterio: Ich denke ständig über Architektur nach und über Räume, die Menschen darin. Ich beobachte ununterbrochen, was mir in einem Raum begegnet: Wie ist das Licht? Wie und wo stehen die Möbel?

Caminada. Das Magazin Antonio Citterio Skizzen

Poetisch: Die Skizzenbücher stammen aus den Anfängen.

Caminada. Das Magazin Antonio Citterio Skizzen

Die Möbel-Miniaturen waren ein Geschenk von Vitra.

Caminada. Das Magazin Antonio Citterio Ground Piece

Designklassiker Groundpiece für Flexform.

2022 feiern Sie, Antonio, das 50-jährige Bestehen Ihres Designstudios, eine Wahnsinnsleistung!
Citterio: Ich kann es kaum glauben. Ich begann als 20-Jähriger mit ersten Jobs. In meiner Generation konnte man neben dem Studium noch einer Arbeit nachgehen. Da ich mit 14 aufs Liceo Artistico kam und dort viel zeichnete, war ich früh fähig, Objekte zu entwerfen.

Ihr Vater war Handwerker und führte eine Schreinerwerkstatt in Meda, dem Epizentrum von Italiens Möbelfabrikation. Schon als kleiner Bub bauten Sie sich Ihre eigenen Spielsachen.
Citterio: Mein Vater entwarf auch Möbel. Ich wuchs ganz natürlich in diesem Umfeld auf.

Der Weg auch für Ihre Kinder?
Citterio: Meine Tochter studierte Human Ecology und arbeitet im Bereich Nachhaltigkeit in Boston. Mein Sohn kommt aus der Finanzwelt und macht Marketing in einer New Yorker Designfirma. Das Thema begeistert ihn immer mehr. Meine Frau Terry ist ebenfalls Architektin und Designerin. Ich sammle leidenschaftlich gern zeitgenössische Kunst, weshalb wir uns auf Städtereisen mit den Kindern meistens interessante Gebäude und Museen anschauten. Es muss schrecklich für sie gewesen sein. Aber jetzt mögen sie moderne Kunst ebenfalls sehr.

Sie sind der Maestro der Ästhetik. Was ist Schönheit?
Citterio: Im Prinzip die Perzeption von Qualität. Echter Qualität. Das wahrhaftige Material. Wenn man beispielsweise einen Boden gestaltet, muss er aus echtem Stein, aus echtem Holz sein. Mein Bürotisch hier wird mit den Jahren immer schöner, weil er unzerstörbar ist. Die Qualität des Handwerks gehört auch dazu. Trends interessieren mich nicht.

Viele Ihrer Entwürfe sind Ikonen.
Citterio: Es gibt auch Produkte von mir, die nicht meinen Namen tragen, weil das die geschäftliche Vereinbarung war. Natürlich musste ich für gewisse Auftraggeber Kompromisse eingehen, mein Job ist ja auch Business. Aber man muss seinen Namen in der Balance halten. Wenn man zu viel macht, wird man zu kommerziell. Ich habe in meiner Karriere über 500 Möbelstücke realisiert. Die Kreationen, die mir am meisten am Herzen liegen, werden nun in einer Monografie zusammengetragen, es ist an der Zeit, mein Werk und dessen Einzigartigkeit zu dokumentieren. Zudem machen Patricia und ich ein Buch über die Projekte der letzten 20 Jahre.

Bei Flexform arbeiten Sie bereits mit der dritten Generation zusammen. Jetzt leiten Sie Ihre Nachfolge ein. Mit welchen Vorstellungen?
Citterio: Es beschäftigt mich schon. Ich habe alles für diese Firma entworfen und auch für Maxalto 25 Jahre lang die Kollektion designt. Ich möchte jetzt die Tür öffnen für andere. Sehen Sie diesen Maxalto-Katalog (hievt ein gefühltes Zehn-Kilo- Buch auf sein Pult)? Blättert man ihn durch, lässt sich nicht sagen, ob der Entwurf vor zehn, zwanzig Jahren oder gestern entstanden ist.

Gallery

Ihr Geschmack hat sich über die lange Zeit nicht verändert?
Citterio: Geändert hat sich meine Vision von zeitgenössischem Wohnen. Esszimmer, Salon – solch bürgerliche Ideen finde ich überholt. Ich möchte weiche, fluide Räume, in denen man arbeiten, essen, ausruhen kann, wie es einem gefällt.

Wo halten Sie sich bei Ihnen zu Hause am liebsten auf?
Citterio: In der Küche.

Als passionierter Koch?
Citterio: Ehrlich gesagt, nein. Wir haben jemanden, der das für uns macht. Aber Terry kocht toll. Unsere Küche ist offen, und als die Kinder klein waren, trafen wir uns dort am
Morgen zum Frühstück, Terry ist Amerikanerin, es wird richtig gefrühstückt und gibt nicht bloss einen Caffè. Die Küche liegt im obersten Stock, es ist wunderbar, dort in der Morgensonne die Zeitung zu lesen.

Sie sind begeisterter Leser. Das Buch auf Ihrem Nachttisch?
Citterio: Ich lese alles, mag aber immer mehr Geschichtsbücher. Jetzt lese ich gerade eins über die Christianisierung, davor «Das Reich Gottes», den Bestseller von Emmanuel Carrère. Mit dem Alter gewinnt Geschichte an Bedeutung, vielleicht weil man verstehen möchte, wieso wir an einem bestimmten Ort leben.

Sie sind auch in St. Moritz daheim. Ein Ort, um Kraft zu tanken?
Citterio: Absolut, unser altes Holzhaus liegt direkt am See. Ich spaziere viel, muss mich jeden Tag bewegen. In einem kleinen Arbeitsraum, wo ich viel zeichne, brüte ich gerade über Möbeln für eine spanische Outdoor-Firma und einem neuen Hotel in Taipeh. Oder ich bitte meine Mitarbeiter, ihre Entwürfe zu mailen, und zeichne dann mit dem Stift meine Überarbeitungen ein.

Caminada. Das Magazin Antonio Citterio Architektur Modell Il Faro Mailand

Vom Modell zur Visualisierung: Im Januar 2022 erfolgt der Spatenstich zu Il Faro im Süden Mailands.

Caminada. Das Magazin Stararchitekt Antonio Citterio 2021

Blick zurück auf eine grandiose Karriere: «Am Ende möchte ich nur noch für mich entwerfen, frei sein.»

Wo finden Sie Inspiration?
Citterio: Im Austausch! Ich liebe es, mit anderen zusammenzuarbeiten. Wenn ich von meinem Büro hier oben nach unten zum Team gehe, entwirft der eine einen Stuhl, der andere einen Barhocker, der Dritte eine Rolex-Boutique, immer entdecke ich etwas, das meine Neugierde weckt und Emotionen auslöst.

Fürchten Sie, es sei für irgendetwas zu spät in Ihrem Leben?
Citterio: Natürlich. Für alles.

Oh, das klingt melancholisch.
Citterio: Das ist keine Frage der Melancholie, sondern der Gelegenheiten. Ich bin sicher, jeder hält sich in seinem Innersten für jünger, als er ist. In meinem Kopf bin ich nicht 71.

Sondern?
Citterio: 40 vielleicht? Doch, ich fühle mich als kraftvoller 40-Jähriger. Ich bin fit, treibe Sport, also jetzt nicht wahnsinnig ... Ich kann mein Leben nicht mehr ändern. Nicht wie mein Sohn, der mich fragte: «Papi, was denkst du, wenn ich von New York nach Los Angeles ziehe?» Und ich: «Warum nicht, wenn du die Gelegenheit hast?» Das geht für mich nicht mehr. Ich überlege, in ein paar Jahren nur noch das zu entwerfen, was ich wirklich möchte. Eigene Projekte. Etwas Spezielles. Ich mag Museen. Ich möchte nichts mehr machen, was mit Kommerz und Geld zu tun hat. Ich will frei sein. Aber das haben sich schon viele vor mir vorgenommen, und es wurde ein Desaster. Wer gibt einem 75-Jährigen einen Auftrag, dessen Ausführung zehn Jahre dauert? Kein Mensch.

Wünschen Sie sich denn noch Aufträge?
Citterio: Ich bekam nie eine Chance für einen Museumsbau. 1982 habe ich in Brera gearbeitet und einen Museumssaal für Bilder von Raffael und Piero della Francesca gestaltet. Seither – nichts! Vielleicht werde ich eines Tages für meine eigene Fondazione etwas schaffen. Es ist schön, darüber nachzudenken.

 

>> Fotos: Federico Ciamei, Gabriele Basilico, Kris Tamburello, Arclinea, Vitra, Yu Chen, ACPV

 

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