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Header Bild Caminada. Das Magazin No 2 Michelle Hunziker November 2021

Michelle Hunziker: «Genuss ist alles im Leben»

Als hinreissende Moderatorin überstrahlt sie alle, privat kämpft sie wie unsereins. Mit 44 ist die Mutter dreier Töchter in ihrer Mitte angekommen. Und ein Vorbild für selbstbestimmte Weiblichkeit.

Michelle Hunziker, Sie sind bekannt als grosse Esserin. Es heisst, Sie finden Lasagne sogar «sexy».
Michelle Hunziker: Das stimmt! (Lacht.) Tomaso und ich teilen diese Leidenschaft. Für mich bedeutet Genuss alles im Leben. Dazu gehört auch die Schönheit des Zusammenseins. Mein Mann und ich fahren nicht selten vier, fünfhundert Kilometer mit dem Auto, um fein essen zu gehen. Weil wir beide sehr viel arbeiten, müssen wir uns die Zeit dafür stehlen, wir schaffen es etwa einmal im Monat.

Wo haben Sie sich zuletzt ein romantisches Tête-à-Tête gegönnt?
Bei Antonino Cannavacciuolo, einem Zwei-Sterne-Koch und Freund von uns, der mit der «Villa Crespi» am Lago d’Orta ein bezauberndes Anwesen führt. Antonino stammt aus Neapel und ist in Italien sehr berühmt, auch weil er als Master Chef am Fernsehen auftritt.

Essen Sie sich jeweils durch das gesamte Menü?
Allzu viele Gänge mag ich nicht. Ich finde es schöner, die Karte zu studieren und dann meine eigene Abfolge zusammenzustellen.

Oh. Dabei ist Andreas Caminada doch der König der zahlreichen kleinen lukullischen Preziosen.
Das weiss ich. Und das ist natürlich auch ein tolles Erlebnis.

Was essen Sie am liebsten?
Alles. Ich liebe Käse, von Parmesan bis Pecorino. Ausser komisches Zeug wie Magen und Innereien und «il pic cione», wie sagt man ... Taube. In Italien steht sie oft auf der Speisekarte.

Angeblich stecken Sie Ihrem Mann bisweilen eine Rose in die Kochschürze. Süss. Kocht er so gut?
Tomaso kocht nie. Aber er kann grillieren. Und er ist Experte darin, die besten Lieferanten ausfindig zu machen. In Bergamo, wo wir mit den Kindern die Wochenenden verbringen, haben wir eine riesige Küche, in der wir uns austoben können. Ich koche gern, es entspannt mich. Ich habe aber jemanden, der mir hilft. Sole und Celeste sind Rabauken, zwei Tornados. Ich achte streng darauf, dass sie sich gesund ernähren, und kaufe Bio-Produkte. Jeden Tag kochen wir frisch, Pasta und Fleisch, Primo und Secondo.

Und abends?
Auch. Das volle Programm.

Wie bleiben Sie bloss so schlank?
Gerade deswegen. Die Leute denken, man müsse Diät halten, um abzunehmen, aber wenn man Eiweisse, Fette und Kohlenhydrate richtig kombiniert, nimmt man nicht zu. Wenn man so dynamisch ist wie ich, drei mal die Woche zwei Stunden hartes Workout absolviert und dazu extrem viel Energie im Job verbraucht, muss man genügend essen. Sonst riskiert man, ausgezehrt auszusehen, besonders in meinem Alter.

Catherine Deneuve sagte: «Ab 40 muss man sich entscheiden – für ein schönes Gesicht oder einen tollen Po.» Sie Glückliche haben beides.
Bis jetzt. Doch es ist unerhört anstrengend, gegen die Schwerkraft anzukämpfen. Am Ende erwischt sie jeden.

aminada. Das Magazin No 2 Michelle Hunziker November 2021

Nachdenklich: «Mittlerweile habe ich ein wunderbares Leben.»

Caminada. Das Magazin No 2 Michelle Hunziker November 2021

Verletzlich: «Jetzt habe ich keine Angst mehr vor Einsamkeit.»

Caminada. Das Magazin No 2 Michelle Hunziker November 2021

Glücklich: «Ich möchte den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern.»

«Männer, die bei Tisch zu geniessen wissen, sind auch gute Liebhaber», sagen Sie.
Daran glaube ich. Das gilt auch für Frauen. Wer ständig mäkelt, nur Salat knabbert, ich weiss nicht ... Wenn ich jemandem die Freude beim Essen ansehe, wirkt das erotisch auf mich.

Sie waren nicht immer so lebenslustig. In Ihrer Autobiografie «Ein scheinbar perfektes Leben» verarbeiten Sie Ihre schwierige Kindheit und sechs traumatische Jahre in den Fängen einer Sekte. Das Buch ist – gelinde gesagt – erschütternd.
Ich musste es schreiben! In Italien existieren über 630 Psychosekten, und es gibt leider sehr viele gefährdete Menschen, die in einer verwundbaren und zerbrechlichen Phase stecken, so wie ich damals mit 21, als ich als junge Mutter von Aurora und Frau von Popstar Eros Ramazzotti in einer Krise steckte und perfiden «Heilern» ins Netz ging. Sie tun so, als könnten nur sie einen «richtig lieben». Man denkt, man habe eine neue Familie gefunden, und dann zerstören sie einen psychisch und finanziell.

Sie berichten von ein paar verlorenen Millionen Euros. Noch schlimmer muss die Einsamkeit gewesen sein, die totale Isolierung von Ihren Liebsten. Sie haben stark gelitten.
Wahrscheinlich hatte ich das nötig, um aus eigener Kraft da wieder herauszufinden. Ich habe viel dafür getan, um das alles zu verarbeiten. Suchte Hilfe bei Psychologen, das Buch war ebenfalls therapeutisch. Manchmal frage ich mich schon, wie konnte mir das passieren?! Entweder zerbricht man daran, oder man wird stark. Ich habe viel gelernt aus der ganzen Sache und bin nicht so enttäuscht, dass ich nicht mehr an Gott glaube. Aber für meinen Glauben brauche ich kein Dogma mehr. Ich arbeite viel mit positiver Energie, «attenta al sottile», ich bin dem Feinstofflichen zugetan. Und ich mache Mindfulness, ein Achtsamkeitstraining, das mir meine Therapeutin, eine wunderbare Psychologin, beibringt. Vor dem Schlafen zu üben, hilft mir sehr.

Die kleine Michelle, die sich hinter einer Säule vor dem gewalttätigen, alkoholisierten Vater versteckte, werden Sie ja nicht einfach los.
Oh ja. Aber mit dem Alter ändert sich die Einstellung. Jetzt habe ich keine Angst mehr vor der Einsamkeit, damals war das mein grösster Horror. Mittlerweile habe ich drei Töchter und ein wunderbares Leben. Ich fühle mich gut und wohl in mir. Klar kenne ich Tage, wo ich zweifle, «Oh Gott, das schaffe ich nicht mit allem, dem Job», und dann steckt man seine ganze Energie hinein, und es gelingt schliesslich doch. Wenn ich extrem gestresst bin, bitte ich Tomaso, die Kinder zu nehmen und schon mal nach Bergamo vorzugehen. Mir reicht ein halber Tag allein zu Hause, ich esse, wann ich essen möchte, gucke eine TV-Serie, schlafe ein wenig.

Ist es für Ihren Mann okay, wenn er losgeschickt wird? Entspricht nicht gerade dem Bild des Italo-Machos...
Tomaso ist überhaupt nicht so. Deswegen gefällt er mir auch so sehr. Er lässt mir meine Freiheit. Ich brauche das. Und er auch. Wir gönnen uns gegenseitig Raum. Den brauchen alle Paare. Auf Italienisch sagt man «spazzi», Momente, wo man allein ist oder sich mit Freundinnen zum Apéro verabredet. Tomaso hat eine Passion für schnelle Autos. Ich sage ihm: «Schatz, geh doch ein bisschen mit deinen Freunden nach Imola auf die Piste.» Das tut uns beiden gut. Wir diskutieren oft und streiten viel. Aber mittlerweile kennen wir einander und wissen, was für den anderen wichtig ist. Es gibt keine idyllischen Paare, alle kommen zu ihrer Zeit mal in Schwierigkeiten. Die grosse Challenge, die ich mir vorgenommen habe, ist, dass mein Privatleben gelingt. In der Liebe sind wir zerbrechlich, wir haben solche Angst, dass die Sache nicht funktioniert. Man muss halt ein bisschen kämpferischer sein und das Zusammensein beschützen. Es ist nicht immer einfach, aber ich finde, wir sind auf gutem Weg.

Caminada. Das Magazin No 2 Andreas Caminada und Michelle Hunziker November 2021

Die Moderatorin weilte als Tourismus-Botschafterin in Fürstenau und machte Halt bei Starchef Andreas Caminada.

Caminada. Das Magazin No 2 Michelle Hunziker November 2021

Selbstironisch: «Ich bin eine, die versucht, sich nicht zu ernst zu nehmen.»

Sie sind eine bewundernswert positive Frau. Aber keinem ist ständig zum Lachen zumute.
Wenn man als Kind viel mitgemacht hat, bekommt man eine ganz andere Sicht aufs Leben. Man versteht, dass man für alles Gute dankbar sein und es geniessen muss. Es gibt Menschen, die können einen tollen Moment nicht wertschätzen aus Angst, dass er plötzlich nicht mehr da ist. Aber es wird sowieso irgendwann mal wieder schlechter. Für uns alle. Wenn du es gewohnt warst zu leiden, «hai la pellaccia», hast du einen Panzer. Und lässt dich bei Schwierigkeiten nicht unterkriegen. Ich bin jemand, der, so oft und so lange es geht versucht, selbstironisch zu sein. Mich nicht zu ernst zu nehmen.

Die Schriftstellerin Yasmina Reza hat dazu einen tröstlichen Satz geschrieben: «Ohne glückliche Kindheit führt man ein schöneres Leben.» Sonst würde man sich ständig, ein Leben lang danach sehnen.
Genau. Darum beglückt mich alles so, was jetzt schön ist.

Ihnen gelingt es auf einer Bühne besonders gut, Ihre Freude zu teilen.
Wer im Entertainment arbeitet, hat eine Mission. Man möchte den Zuschauern das Leben ein kleines bisschen, eine Minute oder zwei, mit einem Witz etwas erleichtern. Wenn ich es schaffe, den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, habe ich meinen Job gemacht. Die Zuneigung, die Liebe vom Publikum, die ich dann spüre, berührt mich sehr. Wenn es mir nicht gut geht, zeige ich das nicht in der Öffentlichkeit. Ich ziehe mich in mein Zimmer zurück, schliesse die Tür und denke nach. Oder ich weine kurz in mein Kopfkissen.

«Kurz» – Sie sind aussergewöhnlich tapfer. Stimmt es, dass Sie ohne Tränenkanäle geboren wurden?
Ja, als Baby musste ich deswegen operiert werden. Zum Glück. Weinen ist wichtig. Das war vielleicht ein Signal: Gott sagte zu mir: Du musst immer lachen.

Sie moderieren verschiedene TV- Formate wie die satirische Tagesschau «Striscia la Notizia» und «All Together Now», eine Musiksendung auf Canale 5, führen eine Stiftung namens Doppia Difesa, welche sich gegen häusliche Gewalt und für die Rechte der Frauen einsetzt. Seit zwei Jahren produzieren Sie mit Goovi eine eigene Kosmetiklinie. Woher nehmen Sie die Kraft, so viel unter einen Hut zu bringen?
Das können doch alle Frauen – Multitasking. Wir kommen auf die Welt und wissen, dass wir immer mehr schuften müssen als Männer, um etwas zu erreichen. Und das Ganze immer happy, ohne uns zu beklagen. Das ist die Natur von uns Frauen. Glaube ich.

Sie beklagen sich nie? Wir schon.
Niemals. Ich hasse Klagen. Für mich ist das eine grosse Krankheit. Bringt wirklich nichts. Ich bin mehr für Probleme lösen. Ist was mit meinem Team oder zu Hause? Ich gebe sofort ein Signal und habe auch gleich eine Lösung parat.

Tomaso und Sie lernten sich auf originelle Weise kennen: In seinem Restaurant Trussardi alla Scala in Mailand liess er Ihnen eine Handtasche an den Tisch bringen als Geschenk, mit seiner Karte darin. Er habe sich viel Zeit gelassen, bis er Sie endlich geküsst habe, zwei Monate.
Drei! Er ist ein «oldfashioned guy». Für ihn war es wichtig, dass das eine seriöse Sache ist. Er war in mich verliebt und wollte es nicht versemmeln.

Ihr Mann hat selber viel Leid erlebt: Mit zwanzig verlor Tomaso seinen Vater, Modemacher Nicola Trussardi, bei einem Autounfall.
Und vier Jahre später seinen Bruder Francesco – der mit 29 mit seinem Ferrari tödlich verunglückte. Es verbindet uns, dass wir beide grosse Schmerzen erfahren haben.

Tomaso ist sechs Jahre jünger als Sie und – nach Ihren eigenen Worten – «noch nicht desillusioniert».
Keine Ahnung, wann ich das gesagt habe, aber ich finde, die paar Jahre machen keinen Unterschied, man sieht es uns auch nicht an. Das Gute ist, ich wache morgens neben ihm auf und denke, «hey, what a nice guy!».

Klingt verlockender, als wenn der Gatte zwanzig Jahre mehr auf dem Buckel hat.
Da muss man schon sehr verliebt sein, um sich umzudrehen und zu sagen: Wow!

Das Schöne am Älterwerden ist, man sieht nicht mehr so gut.
(Lächelt.)

Würden Sie Tomaso auch als so etwas wie Ihren Retter bezeichnen?
Das ist bloss eine romantische Vorstellung. Ich liebe ihn, er ist mein Mann, wir sind seit elf Jahren zusammen. «Truss» hat ganz viele Vorteile, aber ich bin jetzt nicht so naiv, ihn als Ritter zu sehen. Auf der einen Seite ist er ein sehr, sehr, sehr starker Mann, auf der anderen Seite hat er noch Dinge, die er er arbeiten muss. So wie ich auch.

Ist Ihre Familienplanung abgeschlossen?
Ich denke schon. Ich möchte jetzt die zwei Kleinen geniessen und sie beim Aufwachsen begleiten.

 

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