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Phō-Suppe in der Kantstrasse, Kunst in der alten Kirche und Currywurst am Strassenrand: Der schillernde Berliner Starchef Tim Raue nimmt Andreas Caminada mit auf eine kontrastreiche Tour durch seine Stadt.

Tim Raue zeigt Andreas sein Berlin

Phō-Suppe in der Kantstrasse, Kunst in der alten Kirche und Currywurst am Strassenrand: Der schillernde Berliner Starchef Tim Raue nimmt Andreas Caminada mit auf eine kontrastreiche Tour durch seine Stadt.

Ein bisschen zu laut, etwas zu schmutzig, aber auch kontrastreich und voller Überraschungen – «arm, aber sexy» nannte der frühere Bürgermeister Klaus Wowereit Berlin. Der Spruch ist zu einem geflügelten Wort geworden, das die Gegensätzlichkeit von Deutschlands Hauptstadt ziemlich charmant zusammenfasst.

Der zurzeit wohl bekannteste Koch der Republik verkörpert diese Art der sich abwechslungsweise abstossenden und anziehenden Kräfte ziemlich gut: Der 48-jährige Tim Raue ist selbst ein Mann mit vielen Seiten, die in unterschiedlichsten Farben schillern und auf den ersten oberflächlichen Blick nicht zueinanderzupassen scheinen. An diesem Dienstag aber ist Raue für Andreas Caminada vor allem ein charmanter und bestimmter Wegweiser durch «sein» Berlin.

Raue und Caminada nachts in Berlin

Zwei Starchefs auf Entdeckungsreise: Tim Raue führt Andreas Caminada durch «sein» Berlin.

Die beiden Köche gehören zu den jeweils besten ihres Landes. Das Restaurant Tim Raue ist mit fünf Hauben und zwei Sternen ausgezeichnet und findet sich wie Caminadas Schloss Schauenstein auf der umstrittenen, aber einflussreichen Liste der «World’s 50 Best Restaurants». Raues Berlin ist eine Stadt für Feinschmecker und Currywurstliebhaber, für kleine Eisläden, moderne Architektur und Kunst, für ruhige Yoga-Momente und dann wieder voller lautstarker Härte. «In Berlin ist alles möglich, aber es ist hart», sagt Raue, dem vom prügelnden Mitglied einer türkischen Strassengang in Berlin-Kreuzberg zum Starchef mit neun Restaurants und eigenen Fernsehshows ein beeindruckender Aufstieg gelungen ist.

Auch deshalb versteht er sich wohl ausgezeichnet mit dem gleichaltrigen Duc Ngo, der 1979 mit seiner Familie als sogenannte Bootsflüchtlinge aus Hanoi ins damalige Westberlin geflohen ist – auf der Flucht vor den Grauen des Vietnamkriegs. The Duc Ngo, wie sich der entspannte Unternehmer nennt, ist wie Raue ein Multigastronom, hat sein kulinarisches Reich aber vornehmlich an einer Ecke der Kantstrasse errichtet.

Berliner Fernsehturm mit Sturmwolken im Hintergrund

Der Himmel über Berlin: Blick auf den Fernsehturm am Alexanderplatz im früheren Osten der Stadt.

The Duc Ngo

Familiärer Multi-Gastronom: The Duc Ngo in seinem Kiez der Kantstrasse, wo er sieben Restaurants betreibt.

Pho Bo

Wärmendes Frühstück, vietnamesische Art: langsam gekochte Rindfleisch-Phō im «Madame Ngo».

Das trendige Sushi-Lokal 893 Ryōtei versteckt sich hinter einer wenig einladenden Glasfront mit wüsten Sprayereien. Gleich daneben liegt das Restaurant Funky Fish, wo jetzt am Morgen die frischen Fische hinter Glas auf Eis gelegt werden. Das Konzept ist simpel: Die Gäste wählen das gewünschte Produkt, welches sodann fachgerecht zubereitet wird. Und quer über die Strasse gehts zum Frühstück auf fernöstliche Art. Im kleinen Suppenladen Madame Ngo gibt es eine hervorragende Phō. Die klare vietnamesische Brühe mit Fleisch, Gemüse und Nudeln wird zehn Stunden leise geköchelt, bevor sie als wärmende Mahlzeit den wohltuenden Grundstein für einen langen, abwechslungsreichen Berlin-Tag legt.

«An dieser Ecke betreibe ich insgesamt sieben Lokale. Meine Familie lebt hier. Wir sehen uns jeden Tag, und das ist ein schönes Leben», fasst The Duc Ngo zusammen. Und für Andreas Caminada, den Gast aus der Schweiz, stellt die Stadt schon nach wenigen Minuten ein faszinierendes Panoptikum der Kulturen und Geschmäcker dar: «Berlin ist schon krass, aber auch sehr inspirierend», sagt der weit gereiste Bündner, bevor ihn sein Reiseführer Tim Raue zur nächsten Sehenswürdigkeit lotst, die nach der multikulturellen, rauen, aber herzlichen Kantstrasse wirkt wie eine Erscheinung aus einem Paralleluniversum.

Kunst in der Berliner Galerie König

Raum für Kunst: Installation in der Galerie König in den Räumen einer alten Kirche aus den 1960er-Jahren.

Kunst verbindet Raue und Caminada gleichermassen. Sie spielt eine Rolle in ihren Restaurants, schafft Atmosphäre und Stimmungen und ist ausserdem ein Sammelobjekt. «Es ist nicht so, dass ich besonders viel von Kunst verstehen würde, aber ich weiss, was mir gefällt: Das sind junge Künstler, die etwas vor sich haben und etwas ausdrücken», umschreibt Tim Raue sein Interesse an Fotografie, Malerei oder Skulpturen, für welche die eindrucksvolle Galerie von Johann König in der entweihten Kirche St. Agnes ein im Wortsinn sehenswerter Ort ist.

In der früheren Kapelle schaut man jetzt halb liegend an ein gigantisches, in kraftvollen Farben aufgetragenes Deckengemälde von Norbert Bisky, das wirkt, als würde es bunte Menschen vom ansonsten eher grauen Berliner Himmel regnen. Auch eines der Bilder in Tim Raues Restaurant hat der international gut vernetzte Galerist König vermittelt. Das für ein Fine-Dining-Lokal bewusst provokante Sujet mit Müllsäcken am Strassenrand hat Raue «zwei Jahre lang abbezahlt», bis er es sein Eigen nennen durfte.

Berliner Regierungsviertel an der Spree

Zwei Seiten einer Stadt: aufgeräumtes Regierungsviertel an der Spree...

Bruderkuss

...und der berühmte «Bruderkuss» an der East Side Gallery.

Tim Raues Berlin liegt im Westen der Stadt. Auch wenn der Checkpoint Charlie, der ehemalige Übergang in den sozialistischen Teil Europas, nach dem Zweiten Weltkrieg heute nur ein Fotosujet für Touristen ist, spielt die frühere Trennung in der Wahrnehmung seiner Heimat heute noch eine Rolle. Während die DDR hinter dem Eisernen Vorhang im Grau verschwand, sorgten auf der anderen Seite der Mauer vielfältige Einflüsse für grösstmögliche Vielfalt: «Berlin bedeutete damals – und auch heute noch –, dass Menschen herkommen und auf ihre individuelle Art zeigen, wer sie sind», sagt Tim Raue. Das habe durchaus historische Gründe, da in Westberlin zu Mauerzeiten die Wehrpflicht ausgesetzt worden war, zog die Metropole insbesondere unkonventionelle Kreative an.

Raue und Caminada in der neuen Nationalgalerie

Kurzer Moment der Ruhe: Tim Raue und Andreas Caminada im Eingangsbereich der Neuen Nationalgalerie.

Die Neue Nationalgalerie jedenfalls ist eines der kulturellen Wahrzeichen (West-)Berlins, ein markanter, aber doch leichtfüssig erscheinender Bau von Ludwig Mies van der Rohe aus dem Jahr 1968. Nach mehreren Jahren Sanierungsarbeiten ist diese architektonische Ikone der klassischen Moderne erst seit Sommer 2021 wieder geöffnet. Auf der unteren Ebene ist ein malerischer Skulpturengarten zu sehen. Im Inneren des Museums für zeitgenössische Kunst sprechen Tim Raue und Andreas Caminada über Kunst, Kultur und das Kochen. «Das Auge für Details, dieser starke Wunsch, für den Gast da zu sein, das verbindet uns beide», sagt Raue.

Gericht mit Kaviar von Tim Raue

Ein kleines Kunstwerk: Imperial-Kaviar, Sprotte (Hering) und Gurke.

Tim Raue in seinem Restaurant

Neun Restaurants, zwei Sterne, fünf Hauben: Tim Raue im gleichnamigen Lokal.

In seinem eigenen Restaurant, vor dessen Eingang ein Stück der Mauer wie ein abstraktes, aus dem Kontext gerissenes Monument an die geteilten Jahre der Stadt erinnert, findet im Innern vielmehr eine einzigartige Verbindung statt: Raue mischt klassische Luxusprodukte wie Kaviar mit fernöstlichen Aromenwelten und versteht es meisterhaft, Süsse, Säure und Schärfe zu einem kantigen, aber dennoch harmonischen Geschmacksbild zu vereinen.

Raue und Caminada beim Yoga

Berlin, ganz friedlich und entspannt: Yoga-Lektion bei Simone Breuche, die Tim Raue meist zu Hause unterrichtet.

Schliesslich nimmt der Berliner mit der preussischen Disziplin und dem unerhörten Fleiss seinen Gast aus den Bündner Bergen noch mit zu einigen Minuten vollkommener Harmonie. Yoga-Lehrerin Simone Breuche besucht Tim Raue regelmässig zu Hause, um Geist, Seele und Körper des Kochs mit über 200 Reisetagen im Jahr wieder auf eine Frequenz zu bringen. Jetzt zeigt sie den beiden Berufskollegen, wie man im Baum und mit der richtigen Atemtechnik für einen Moment zur Ruhe findet. Am Ende dieser kurzen Reise zu den persönlichen Wegmarken des Berliners ist es ein friedvoller Anblick, wenn zwei scheinbar nimmermüde Küchenstars mit geschlossenen Augen schweigen. Und plötzlich ist Berlin ganz leise und unheimlich entspannt.

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