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Walter Pfeiffer

«Cherchez l’homme»

Walter Pfeiffer im grossen Interview über Stil, Humor und grossartige Fotokunst.

Herr Pfeiffer, in «Chasing Beauty», dem hoch spannenden Dokumentarfilm über Sie, werden Sie im Vorspann wie folgt zitiert: «Vielleicht werde ich durch das ständige Experimentieren mit den Jahren einmal sicherer im Vabanquespiel der Kunst, vielleicht mit siebzig. Dann möchte ich ein Grandseigneur sein, einer, den die Jungen verehren und die dann grosse Augen machen, wenn er sich an ihren Tisch setzt, um ihnen zu erzählen, wie man es richtig macht.» Dieses Zitat stammt von 1981. Sie sind auf der Höhe Ihres Schaffens. Erzählen Sie doch bitte, wie man es «richtig macht».

Es ist schon verrückt. Damals sah es gar nicht danach aus. Kunst und Kreieren, das ist wie Schwimmen. Jeden Tag gehe ich ins Hallenbad und schwimme einen Kilometer. Ein tägliches Training, eine Routine, ein Rhythmus. Man muss an seinen Vorhaben dranbleiben. Ich habe jeden Tag zu tun. Meine Schwester sagt immer: «Sei froh, dass du noch arbeiten kannst», wenn ich jammere. Ich arbeite viel zu viel, jeden Tag kommt etwas rein.

 

Kann man Schönheit sehen lernen? 

Hm … was Schönheit ist, das muss man selber herausfinden, das kann man nicht lehren. Ich mag immer den gleichen Typ, in Variationen, wie beim Essen. Ich sehe jeden Tag schöne Menschen, etwas passiert im Kopf, man schluckt schnell leer, es ist ein Bewundern, aber nur derjenigen, die nicht wissen, dass sie schön sind.

 

Wie werden Sie nicht sentimental bei all den Erlebnissen und Erfahrungen – wie bleiben Sie so frisch und neugierig?

Das kann ich nicht sagen, möglicherweise bleibt mein Geist wach durch die viele Arbeit. Der Zustand der Welt könnte einen ja komplett verrückt machen, aber man darf das nicht zu ernst nehmen. Viel-leicht wird es ein kalter Winter. Ich weiss, wie es ist in einer ungeheizten Wohnung. Meine beiden Katzen Pips und Fräulein Nüssli haben früher in meiner Wohnung gehustet, so kalt wars. Ich lagere die warmen Sachen im Keller, die noch meine Mami für mich gestrickt hat, die werde ich wieder anziehen. 
 

Walter Pfeiffer, Untitled, 1985

 

Foto: Walter Pfeiffer / © ProLitteris, Zürich / Ohne Titel, 1985

Bildrausch

Art-Worki: Walter Pfeiffer, / © Pro Litteris, Zürich / Bildrausch: Drawings 1966–2018, Edition Patrick Frey

Woher haben Sie Ihr Stilbewusstsein? Sie kleiden sich fantastisch.

Ich komme vom Land und fand mich selber immer das Letzte. Ich dachte, ich sähe schrecklich aus. Ich mache mir um meine Kleidung kaum Gedanken, das geht automatisch. Gute Freundinnen haben mich in jungen Jahren inspiriert und gepusht, mir kochen gelehrt und Kleider gebracht. «Schau, was ich wieder gefunden habe für dich.» Das ist jetzt aber kein Loblied auf die Frau.

 

Das wäre ja noch schöner.

(Lacht.)

 

Sie essen vor allem mit den Augen, richtig?

Nein, ich koche jeden Tag. Morgens mache ich mir ein Müesli ohne Zucker.

 

Ihre fotografischen Arbeiten sind absolut zeitlos. Wie würden Sie Ihre Lieblingsmodelle beschreiben?

Normal, sportlich, humorvoll, wenn es geht, und nicht allzu dumm. Ich merke es zwar nicht, ob jemand dumm ist.

 

Wie bewahren Sie sich Ihre Bescheidenheit? Erfolg, auch nicht Ihr eigener, macht Ihnen keinen Eindruck.

Vielleicht kommt das aus meiner Kindheit, wir hatten nicht viel Geld. Heute bin ich etwas beruhigter. Habe aber Angst, es könnte wieder bergab gehen, so wie früher. Dann hilft einem keiner, das kann ich Ihnen wohl sagen. Aber ich habe auch Mentoren. Der erste war Kurator Jean-Christophe Ammann, er hat mir den Tarif durchgegeben, sagte: «So gehts nicht, mach so.» Ich mag das, wenn man mich inspiriert. Grosse Mentoren finden einen, wenn man jung ist, wenn man Glück hat. Ich kann es mir nicht erklären, warum ich bei den Jungen immer noch auf Interesse stosse. Wahrscheinlich, weil ich einfach ein Fossil bin.

 

Oder weil Sie sich immer treu waren?

Man muss aufpassen, dass man kein One-Hit-Wonder wird wie in der Hitparade. Ich hätte ein paarmal in meinem Leben verzweifeln können, aber irgendwie hat mein Stern immer wieder für mich geleuchtet. Mit sechzig nahm mich die weltbeste Künstleragentur aus New York, Art+Commerce, auf. Da wurde ich wie neu geboren. «Jetzt muss ich einfach», dachte ich und lernte, für die interessanten Magazine und Modebrands zu arbeiten. Bei meinem ersten Job für «Vogue Hommes» in einer Suite im Pariser Hôtel Plaza Athénée fragten sie mich, wo ich wohne, und ich nannte ein Drittklasshotel. Ein Freund sagte mir: «Spinnst du, wenn sie dich fragen, dann sag, du willst ein Zimmer im gleichen Hotel.» Und so bin ich dann mit dem Hotellift zur Arbeit gefahren.

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