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Caminada. Das Magazin Designerin Patricia Urquiola 2022

Patricia Urquiola: «Farbe gehört zum Leben, ist pure Energie»

Patricia Urquiola designt so gut wie alles, was das Leben schöner macht: Badewannen, Sessel, Teppiche, Tische und Vasen gleich mit dazu. Die preisgekrönte spanische Architektin über Farben, Formen und starke Frauen.

Frau Urquiola, Kompliment, Ihre Terrasse ist ein Traum!
Patricia Urquiola: Danke, auch die Nachbarn freuen sich, weil sie wie eine Lunge für das Haus geworden ist. Trägt der Baum dort drüben Blätter, sieht man die Mauern nicht mehr.

Sie sind stark beschäftigt, wobei stören wir Sie gerade?
Wir haben immer viel in der Pipeline. Als Art-Direktorin von Cassina setze ich mich nebst der Lancierung von neuen Produkten intensiv mit der bald hundertjährigen Firmengeschichte auseinander. Diese Arbeit ist sehr spannend. Letztes Jahr präsentierten wir Werke von Bodil Kjær aus den Fünfzigern. Wir haben auch eine grosse Sammlung von Charlotte Perriands Kollektionen, die sie neben ihren Entwürfen für «Le Corbu» realisierte. Und wir übernahmen das Patronat für die junge Holländerin Linde Freya Tangelder.

Dem Vernehmen nach müssen Sie Ihre Klienten mögen, um für sie arbeiten zu können.
Hombre, es ist eine grosse Hilfe, wenn man einander versteht und beim ersten Gespräch herausfindet, ob das der Fall ist.

Sie gestalten alle «Igniv»Lokale. Hat Andreas Caminada Sie mit seiner Küche verführt?
(Lacht.) Er zaubert mit Kräutern, einfach super. Ich habe seine Sensibilität begriffen, wie er mit simplen Zutaten etwas äusserst Wertvolles schafft und wie das Ganze präsentiert wird. Ein sehr freier Zugang, molto fresco, molto bello.

Wie gern stehen Sie selber zu Hause am Herd?
Wenn ich zu Hause Zeit verlieren muss, dann noch am ehesten beim Kochen. An den Wochenenden geht es mir leicht von der Hand, bei uns ist der Kühlschrank immer voll. Eine schnelle Pasta für Freunde schaffe ich, aber ich habe einige, die sich flüssiger in der Küche bewegen als ich. Gerade habe ich weissen Spargel gekauft, einmal die Woche ist hier in der Nähe Markt. Den Spargel richte ich mit Öl, Parmesan und Ei an, einfach, aber hervorragend.

Bevorzugen Sie als Spanierin die Küche Ihrer Kindheit?
Die italienische gehört zu meinem Alltag, da ich hier lebe. Aber sobald Tomaten Saison haben, mache ich Gazpacho. Kartoffel-Tortilla liebe ich auch, dafür braucht man aber Zeit.

Wie sehr hat Ihre Herkunft den Wunsch geprägt, Architektin und Designerin zu werden?
Unter meinen Vorfahren mütterlicherseits gab es Architekten, bis heute. Es half, dass meine Mutter Philosophie und englische Philologie studiert und ein Flair für Möbel und Materialien hatte. Sie verfolgte genau, was in der Welt passiert. Während meiner Kindheit zur Franco-Zeit reisten meine Eltern sobald möglich nach Frankreich oder England. Mein Vater, ein Baske, war Ingenieur und mochte Architektur. Ich selbst war gut in Mathe und liebte das Zeichnen. Basken sind rebellische Landsleute, heisst es. Meine Mutter stammt aus Asturien, ich wurde in Oviedo geboren. Im Norden ist man sehr direkt. Zwischen Frauen und Männern besteht inhärente Gleichberechtigung. Anders als im Süden mit seinen Grossgrundbesitzern ist unsere Kultur das Kleinbauerntum, alle helfen gleichwertig mit. Zu Hause entschied meine Mutter. In unserer Familie herrschten Frauen mit Charakter. Als zweite Tochter von drei Kindern erlebte ich eine überaus glückliche Kindheit.

Es gab auch eine grossartige Tante.
«Tia Lélé», die älteste Schwester meiner Mutter, war Malerin, eine kreative Seele. Als wir am Meer waren, hat sie es immer gemalt und mich ermutigt, das auch zu tun, allerdings auf kleinen Fliesen. Sie sagte: «Male das Meer, und stell dir mit fast geschlossenen Augen das Licht vor.» Ich lernte, dass es nicht wichtig war, ob ich die Realität abbildete – ich war ja noch sehr jung –, sondern dass ich meinen eigenen Vorstellungen folgen durfte. Das war wertvoll für meine Entwicklung.

Caminada. Das Magazin Designerin Patricia Urquiola 2022

Gekonnt arrangiert: Urquiolas Vasen beeindrucken auch ohne Blumen.

Caminada. Das Magazin – Patricia Urquiola Designerin 2022

Charakterstark: Sie trägt Dunkelblau als ruhigen Kontrast zur fröhlichen Buntheit ihres Büros.

Caminada. Das Magazin Designerin Patricia Urquiola 2022

Kreativ-Labor: das Studio Urquiola in Mailand.

Ihre Entwürfe überraschen immer wieder mit unkonventionellen Ideen, kühnen Materialkombinationen, aussergewöhnlichen Farben.
Für mich ist Farbe eines der Hauptmerkmale von Architektur. Man muss wissen, wie einsetzen. Farbe ist immer verbunden mit Licht, es verändert alles. Farbe gehört zum Leben, ist pure Energie. Ich erinnere mich an eine Geschichte von Marina Abramovic, die sie uns vor Jahren bei Moroso in London erzählte. Sie und Ulay trugen als Experiment während eines Jahres eine einzige Farbe pro Monat. Jede Farbe veränderte ihre eigenen Gefühle und jene derer, die sie trafen. Sie tragen heute kein Rot. Warum tragen Sie nichts Rotes?

Na ja, um nicht aufdringlich zu wirken?
Eben. Und für manche ist Rot ideal.

Warum kleiden Sie sich heute denn ganz in Schwarz?
Das ist Dunkelblau. Den Oversize Hoodie hat meine Tochter Giulia für mich gekauft. Meine Töchter dürfen meine Sachen selbstverständlich auch tragen, da bin ich völlig unkompliziert. In Rot wäre es vielleicht zu viel. Ich mag bequeme Kleider und Schuhe. Ich muss oft schmunzeln, wenn man mir sagt: «Du bist doch Spanierin, du hast eine Flamenco Seele.» Meine Welt hat damit leider nur wenig zu tun. Ich bin «atlantisch», meine Wurzeln, meine Farben sind eher keltisch.

Dafür wirken weiche, runde Sofas und Sessel von Ihnen, als ob sie einen umarmen wollten. Aber die Welt ausserhalb unserer Stuben ist derzeit alles andere als gemütlich. Wie sehr beeinflusst der dramatische Zustand unseres Planeten Ihre Arbeit?
Die Basis unserer Arbeit ist das Nachdenken darüber, wie wir Menschen Wohlgefühl vermitteln und sie sich mit unseren Projekten neu orientieren können. Vor allem in der heutigen Zeit, in der die Ungewissheit mehr und mehr Teil unserer Existenz wird. Letztens haben wir im Auto einen Podcast des spanischen Schriftstellers Javier Cercas gehört. Er sagt: Um Gutes zu erschaffen, muss man sich frei fühlen. Und um sich frei zu fühlen, darf man keine Angst haben. Mit den Kriegen und Ungewissheiten nimmt unsere mentale Freiheit stark ab, weil Unsicherheit uns erschreckt. Dagegen müssen wir Tag für Tag kämpfen. Wegen der Klimaerwärmung waren wir schon vor der Pandemie in einer schwierigen Lage. Unsere Umweltprobleme werden durch die aktuellen Krisen verschärft, wir müssen uns noch mehr anstrengen. Das bleibt ein Problem, das uns Designer beschäftigt. Auf der einen Seite ist die Frage, welche Materialien wir künftig verwenden. Andererseits müssen wir die komplette Lebensdauer der Produkte, des Bauens berücksichtigen.

Caminada. Das Magazin Designerin Patricia Urquiola 2022

Fasziniert von Büchern: «Ein Buch ist ein Garten in meiner Tasche.»

Caminada. Das Magazin Designerin Patricia Urquiola 2022

Sorgfältig drapiert: Kunstgegenstände und Bücher in Urquiolas Studio.

Caminada. Das Magazin Patricia Urquiola Design Teppich 2022

Aufregendes Design: «Fordite», cc-tapis Teppich aus Seide, Aloe und Recycling-Garn.

Wie verlieren Sie bei all der Düsternis nicht den Mut?
Tja, wie? Positiv zu sein, bedeutet nicht, dass die Dinge einfach sein sollen, etwa indem wir unsere Werte anpassen. Was ist uns wichtig? Was ist Schönheit? Den Wert frischer Spargeln zu schätzen, die man nur während zwei Wochen bekommt, ist etwas Schönes. So wie für uns Architekten, dass wir erneuerbare, rezyklierte und upgecycelte Materialien verwenden und in diesen «wieder verwerteten» Objekten einen Mehrwert erkennen. Darin gründet neue Schönheit. Ich verstehe meine Arbeit nicht als Revolution, sondern als Evolution. Als ständig sich weiter entwickelnde Metamorphose.

Gemäss Dalai Lama wird die Welt von den westlichen Frauen gerettet.
Bueno – das weiss ich nicht. Ich hoffe, dass wir nicht die Einzigen sind. Um es mit Proust in seinem hundertsten Todesjahr zu sagen: Jeder muss sein verlorenes Paradies finden und für sich selbst erkennen, was für ihn wichtig ist. Jeder muss sein «Madeleine» finden.

Wie machen Sie das?
Zum Beispiel durch Lesen. Hier im Studio poche ich sehr drauf, dass die jungen Leute lesen, diese Generation tut sich schwer damit. «Ein Buch ist ein Garten in meiner Tasche.» Ein fantastischer Satz. Ich kann Menschen nicht verstehen, die keine Freude daran haben. Das ist so, als würde man keine Musik mögen.

Sie lieben Musik offensichtlich.
Sie ist fundamental, kann in dunkelsten Momenten die Seele retten.

In Virginia Woolfs Roman «A Room of One’s Own» ...
... ah, die früheste Erinnerung an mein eigenes Zimmer sind die wunderbaren Stunden darin. In Oviedo regnete es häufig, mein anderthalb Jahre jüngerer Bruder und ich mussten drinnen spielen. Ich hatte ein Puppenhaus, er ein «Fort Apache». Daneben teilten wir uns eine Spielzeug-Garage mit Rampe und funktionierendem Lift. Man kann mich in einen Raum sperren – ich bin ein Mensch, der sich nie langweilt.

Sie sind ein Freigeist. Mutig und resilient.
Ja, das bin ich. Aber da gibt es auch ein klein wenig Angst. Die Angst ist immer mit von der Partie.

 

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